Die Grinde im Sturm

Nun noch ein paar Sätze zu den Sturmerfahrungen mit unserem GfK - Wal: Zu dem Zeitpunkt, als "der Däne" es sich anders überlegte und statt der moderaten Westwinde nun NO 7 bft ansagte, hatten wir gerade 200 sm von Edinburgh in Richtung Skagerak zurückgelegt. Da die Nacht bevorstand und das Wechseln von Vorsegeln bei Dunkelheit nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählt, gingen wir mit der kleinsten Fock in das bevorstehende Wetter. Um es gleich vorwegzunehmen: der Wind flaute am Folgetag nicht wie angekündigt ab, sondern verstärkte sich noch bis 8 bft und hielt 2 Tage an. Die Wellen erreichten dabei in erschreckender Schnelligkeit Höhen um 6 m. Gegen diese hohen Wellen anzukreuzen......versuchten wir einige Stunden. Selbst unter kleiner Fock allein (das Wort "Sturmfock" vermeide ich bewusst, weil ich eine solche noch im Köcher ließ) lief die Grinde die schräg angeschnittenen Wellen munter hinauf. Problematisch wird es erst auf dem Kamm, wenn der Rumpf in das Wellental "fällt". Das gab immer einen infernalischen Knall und führte dazu, dass ich in der Leekoje im Bugraum (ich bin fast 2 m lang und passe deshalb leider schlecht in die Salonkojen) jedes Mal einen Augenblick lang frei schwebend in der Luft hing. Auch wenn ihr es nicht glaubt: an die Schüttelei gewöhnt Mann sich bald, aber das regelmäßige Krachen ist zermürbend. Ich nehme mir das nächste Mal einen Hörschutz mit, so einen wie er für Presslufthammerfreunde gemacht wird. Vom Querschlagen....wird immer mit recht abgeraten. Unter diesen Bedingungen von einer Legerwallküste freizukreuzen, ist zum Glück kein Problem! Die Grinde verhält sich dabei selbst nur unter Fock hervorragend, ich würde allerdings in Zukunft unbedingt das 2fach gereffte Groß dazusetzen. Denn nur ein einziges Mal erwischte uns auf dem Wellenkamm die Gischt und schlug die arme Grinde quer, weil wir eben doch zu langsam geworden waren. So genial der von uns so geliebte Grindekörper auch geformt ist, seine steil aufragenden Flanken haben nicht nur Nachteile, wenn aus dem Heckpfahl der Gästebox ein Nagel ragt. Trifft diese Bord-"Wand" eine überkämmende Welle, bleibt kein Auge trocken. Meine verstörten Mitsegler schrien auf jeden Fall von unten: "Was war das denn...!?" Angst hatte ich nur vor Einem....dass ein Want oder Stag reißt. Und richtig, natürlich wieder nachts gab es ein Geräusch, das man gelegentlich beim Stimmen einer Gitarre hört, wenn eine Saite reißt - nur lauter. In milder Panik leuchtete ich die Wanten, von denen das Geräusch gekommen war, ab - ohne etwas zu finden. Dann kommt es zu einem Effekt, der bei mir an Bord "Wahrheitsbeugung" heißt und sonst vielleicht: war wohl nix. War aber doch was. Als ich in der letzten Woche den Mast legte, zeigte sich, dass die Verbindungsbleche Want - Mast (den zweifellos wohlklingenden Terminus Technikus der Dinger kenne ich leider nicht) arg in Mitleidenschaft gezogen worden sind und die eine Hälfte eines Doppelblechs gebrochen war. 

Und nun.....die gute Nachricht. Hauptsächlich wegen der anhaltenden Lärmbelästigung entschied ich mich, Norwegen dort liegen zu lassen, wo es liegt und lieber in den freien Raum, in diesem Fall also die mittlere Nordsee zu laufen. Das Hochgefühl, das sich sofort einstellte, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Grindefreunde! Ich weiß nicht, wie hoch Wellen sein müssen, um eine Grinde von hinten auch nur zu belästigen. Die 6 m Wellen (nach DMI) jedenfalls schoben sich derartig zart unter den so überaus wohlgeformten Hintern der Grinde, dass an ein Einsteigen einer Welle nicht zu denken war! Ein bisschen physikalischer: Das füllige Heck sorgt sehr früh für einen ausreichenden Auftrieb, so dass die Wellen immer unter dem Rumpf durchgleiten. Keine Gefahr des Querschlagens (nur unter kleiner Fock) auch keine gefährlichen Kräfte am Ruder. Und Essenkochen......bei diesem Sauwetter? Selbst bei diesen doch recht extremen Bedingungen liegt die Grinde "im Drehpunkt", will sagen im Bereich des Salontisches, erstaunlich ruhig. Ein "Begehen" des ganzen Schiffes bleibt möglich. Ein fürstliches Frühstück wurde allerdings erst gereicht, als die Wellen auf 3 m gesunken waren.

Jens Wollschläger

November 2001